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LOCATION

Aghdam

Zwischen Wiederaufbau und Identität


Der Wiederaufbau von Agdam ist mehr als ein städtebauliches Projekt – er ist der Versuch, eine verlorene Stadt neu zu denken, ohne ihre Vergangenheit zu vergessen. Nach fast drei Jahrzehnten der Zerstörung entsteht hier ein Ort, der sowohl Erinnerung als auch Zukunft in sich trägt. Die Herausforderung besteht dabei nicht nur im physischen Wiederaufbau, sondern auch in der Frage: Wie können 1200 Wohnungen schnell und günstig gebaut werden, ohne dabei Abstriche in der Lebensqualität in Kauf zu nehmen?

Der Masterplan liefert darauf eine klare, wenn auch vielschichtige Antwort. Statt auf monotone Wiederholung setzt er auf eine Typologie, die durch unterschiedliche Anordnung Vielfalt widerspiegelt. Drei grundlegende Gebäudetypen – das L-förmige Gebäude, das Atriumhaus und das Punktgebäude  – bilden ein System, das sowohl effizient als auch variabel ist. Damit wird auf starre Module verzichtet und stattdessen entstehen Bausteine eines lebendigen Gefüges. Durch ihre unterschiedliche Anordnung bleiben Zwischenräume und vielfältige Blickbeziehungen. So wird aus einer potenziell seriellen Wohnbebauung ein urbaner Raum mit eigener Dynamik.

Diese Vielfalt ist maßgeblich, wenn es darum geht, schnell zu bauen, ohne monotone Strukturen zu erzeugen. Standardisierung ermöglicht Geschwindigkeit und Wirtschaftlichkeit, doch erst die Kombination der Elemente schafft ein Ergebnis, in dem Menschen wohnen möchten. Gleichzeitig zeigt sich damit in Agdam, dass Effizienz und Differenzierung kein Widerspruch sein müssen, sondern sich nebeneinander funktionieren können.

Der Wiederaufbau wird von einer Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes getragen. Agdam war einst ein wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Region Karabach, bekannt für seine Weinproduktion, seine Theaterkultur und Institutionen wie das Museum des Brotes. Diese Identität ist heute nicht mehr sichtbar, doch sie bildet den unsichtbaren Hintergrund für alle planerischen Entscheidungen. Der neue Stadtentwurf interpretiert diese Vergangenheit nicht nostalgisch, sondern übersetzt sie in die heutige Zeit.

Ein zentrales Element dieser Übersetzung sind die Fassaden. Durch sie wird Tradition neu interpretiert. Die Gebäude greifen traditionelle Motive nicht direkt auf, sondern transformieren sie in moderne architektonische Elemente. Die markanten L-förmigen Strukturen der Fassaden erzeugen Tiefe, Schatten und eine lebendige Oberfläche. Sie wirken wie ein Filter zwischen Innen und Außen – funktional als Sonnenschutz, atmosphärisch als Regulator von Licht und Klima.

Die Fassaden sind dabei mehr als nur Hüllen. Sie reagieren auf klimatische Bedingungen, schaffen Mikroklimata und tragen zur Energieeffizienz bei. Begrünte Elemente, Rankpflanzen und integrierte Pflanztröge bilden eine Art lebendigen Vorhang, der sich im Laufe der Zeit verändert. Dadurch entsteht eine Architektur, die nicht statisch ist, sondern sich entwickelt – ähnlich wie die Stadt selbst.

Auch im Inneren folgt das Projekt einer Logik der Effizienz und Gemeinschaft. Unterschiedliche Erschließungstypen – vom Mittelflur über Laubengänge bis hin zu zentralen Treppenhäusern – ermöglichen flexible Wohnungszuschnitte. Gleichzeitig werden gemeinschaftliche Räume bewusst in die Gebäude integriert: Terrassen, Gemeinschaftsräume und großzügige Eingangsbereiche fördern soziale Interaktion. Der Wohnungsbau soll dementsprechend nicht nur als Bereitstellung von Wohnraum verstanden werden, sondern als Grundlage für Zusammenleben.

Die Freiräume spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die Gebäude selbst. Durchgehende Grünachsen verbinden die einzelnen Baufelder und schaffen ein zusammenhängendes System von Bewegungs- und Aufenthaltsräumen. Innenhöfe werden zu Treffpunkten, Dachterrassen zu Rückzugsorten im kleineren Maßstab. Diese räumliche Kontinuität zwischen Innen und Außen erzeugt ein Gefühl von Offenheit und gleichzeitig Gemeinschaft.

Auch ökologische Aspekte sind wesentlicher Bestandteil des Entwurfs. Die Stadt ist als „grüne Energiezone“ konzipiert, und entsprechend werden erneuerbare Energien und nachhaltige Systeme konsequent integriert. Photovoltaikanlagen auf den Dächern, Regenwassernutzung und extensive Begrünung tragen nicht nur zur Energieversorgung bei, sondern verbessern auch das Mikroklima. Kühlung erfolgt nicht allein technisch, sondern durch Vegetation, Verschattung und Verdunstung – ein Ansatz, der sowohl ökologisch als auch ökonomisch hilft.

Die Geschwindigkeit des Bauens ergibt sich hier nicht aus Vereinfachung, sondern aus Systematisierung. Gleichzeitig sorgt die Variation innerhalb dieses aufgestellten Systems dafür, dass keine uniforme Stadt entsteht, sondern ein differenziertes urbanes Gefüge. Agdam wird so zu einem Beispiel dafür, wie Wiederaufbau unter engen Bedingungen gelingen kann. Die Planung zeigt, dass es möglich ist, große Wohnungszahlen in kurzer Zeit zu realisieren, ohne dabei architektonische Qualität oder städtische Identität zu opfern. Entscheidend ist dabei nicht die einzelne Lösung, sondern das Zusammenspiel von Typologie, Freiraum, Fassade und Infrastruktur.

Am Ende wird hier nicht nur eine neue Stadt gebaut, sondern ein neues Verständnis von Stadtentwicklung: eines, das Effizienz und Vielfalt, Tradition und Innovation, Geschwindigkeit und Sorgfalt miteinander allesamt verbindet.



/// EN ///


The reconstruction of Agdam is more than just an urban planning project – it is an attempt to recreate a lost city without forgetting its past. After nearly three decades of destruction, a place is emerging here that embodies both the past and the future. The challenge lies not only in physical reconstruction but also in the question: How can 1,200 apartments be built quickly and affordably without compromising on quality of life?

The master plan provides a clear, yet multifaceted, answer to this. Instead of monotonous repetition, it relies on a typology that reflects diversity through varied arrangements. Three basic building types – the L-shaped building, the atrium house, and the pointed building – form a system that is both efficient and flexible. This eliminates rigid modules and instead creates building blocks of a vibrant fabric. Their varied arrangement preserves open spaces and diverse visual connections. As a result, a potentially serial residential development becomes an urban space with its own dynamic.

This diversity is crucial when it comes to building quickly without creating monotonous structures. Standardization allows for speed and cost-effectiveness, but it is the specific combination of elements that creates a result in which people want to live. At the same time, this demonstrates that efficiency and differentiation need not be a contradiction but can function side by side.

The reconstruction of Agdam is driven by an engagement with the area’s history. The city was once an economic and cultural center of the Karabakh region, known for its wine production, its theater culture, and institutions such as the Museum of Bread. This identity is no longer visible today, yet it forms the invisible basis for all planning decisions. The new urban design does not interpret this past nostalgically but translates it into the present time.

A central element of this translation is the facades. Through them, tradition is reinterpreted. The buildings do not directly adopt traditional motifs but transform them into modern architectural elements. The striking L-shaped structures of the facades create depth, shadow, and a dynamic surface. They act as a filter between interior and exterior – functionally as sun protection, atmospherically as a regulator of light and climate.

The facades are more than just shells. They respond to climatic conditions, create microclimates, and contribute to energy efficiency. Green elements, climbing plants, and integrated planters form a kind of living curtain that changes over time. This results in an architecture that is not static but evolves, just like the city itself.

Inside as well, the project follows a logic of efficiency and community. Different circulation patterns – from central hallways to pergolas and central stairwells – enable flexible apartment layouts. At the same time, communal spaces are integrated into the buildings: terraces, common areas, and spacious entryways promote social interaction. Accordingly, housing development should not be understood merely as the provision of living space, but as the foundation for communal living.

Open spaces play a role just as important as the buildings themselves. Continuous green axes connect the individual building sites and create a coherent system of spaces for movement and recreation. Courtyards become meeting places, and rooftop terraces serve as smaller-scale retreats. This spatial continuity between interior and exterior creates a sense of openness and, at the same time, community.

Ecological aspects are also an essential component of the design. The city is conceived as a “green energy zone,” where renewable energies and sustainable systems are consequently integrated throughout. Photovoltaic systems on the roofs, rainwater harvesting, and extensive greening not only contribute to the energy supply but also improve the microclimate. Cooling is achieved not only through technical means, but through vegetation, shading, and evaporation – an approach that benefits both the environment and the economy.

The speed of construction here stems not from simplification, but from systematization. Agdam thus becomes an example of how reconstruction can succeed under constrained conditions. The planning demonstrates that it is possible to realize a large number of housing units in a short time without sacrificing architectural quality or urban identity. What is decisive here is not the individual solution, but the interplay of typology, open space, facade, and infrastructure.

Ultimately, what is being built here is not just a new city, but a new understanding of urban development: one that seamlessly combines efficiency and diversity, tradition and innovation, speed and care.

AREA

109.000 m²

STATUS

under construction

TYP

social housing

YEAR

2026

WILLLI for Aghdam

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